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KI-Zukünfte im Spannungsfeld: Ein ambivalentes Szenario

Eine Kurzgeschichte im Berlin des Jahres 2036, in der das Viertel, in dem man aufwächst, darüber entscheidet, welche KI-Zukunft man erbt.

Nr. 5/2026 vom 16.06.2026

Image Credit: Norbert Braun | Unsplash

Image Credit: Norbert Braun | Unsplash

Es war ein Festtag.

5:1. Noch nie hatte Miriam einen so klaren Sieg ihres Fußballvereins, des FC Marzahn 94 e.V., über den seit ungezählten Saisons dominierenden FC Hertha 03 Zehlendorf erlebt.

Als Kapitänin war es Miriams Aufgabe, der gegnerischen Mannschaft die übliche Respektserbietung zu erweisen. Sie klopfte an die angelehnte Tür der Kabine der „Zehlis“ – so nannte man in Marzahn den Bonzenverein heimlich, und manchmal sogar halblaut.

„Komm rein“, rief Susann, die Kapitänin, ohne aufzuschauen.

Miriams erster Gedanke war, dass es hier anders roch. Nicht besser – nur anders. Ein sauberer, kühler Raum, Schweiß in der Luft, aber ohne den metallischen Unterton, den sie aus Marzahn kannte. Dort hing über allem dieser hohe, enervierende Pfeifton: Abfallprodukt unzähliger Lüftungsanlagen, die Tag und Nacht die hässlichen grauen KI-Rechenzentren am Laufen hielten.

Hier dagegen: Trophäen, Wimpel, Auszeichnungen. Die ganze Tapete einer erfolgreichen Mannschaft. Und doch war es still.

Susann war gerade dabei, sich umzuziehen. Ihre Mitspielerinnen waren offenbar längst abgedampft – vermutlich in eine Welt, in der ein 5:1 normalerweise nicht vorkam.

„Willst du eine Cola?“, fragte Susann.

„Klar.“

Sie reichte Miriam ein Glas. Die Cola schmeckte anders als alles, was Miriam kannte. Rund, frisch, fast ein bisschen… beruhigend.

„Wholesome Coke“, sagte Susann, als wäre das eine ganz normale Sache. „Kalorienreduziert. Aber ohne diesen ekligen Süßstoff.“

„Krass“, sagte Miriam. „Echt lecker.“

Schweigen. Miriam suchte nach etwas, das sie sagen konnte, um sie zu überspielen.

„Ihr habt gut gespielt“, sagte sie schließlich und zugleich fand sie es peinlich. Es klang gönnerhaft.

Susann lächelte leicht. „Leider nicht so gut wie ihr.“

Sie hielt Miriam den Vereinswimpel hin, dann ihr Trikot. Miriam zog ihres aus, Susann ihres über – und musste sich ein wenig in Miriams Stoff zwängen.

Beide lachten. Für einen Moment war das Ergebnis nur eine Zahl.

„Ja“, sagte Miriam, „ich bin doch etwas größer als du.“

„Hat man bei den Kopfbällen nicht gemerkt“, sagte Susann. Dann, als würde ihr plötzlich ein Ausweg aus der Kabine einfallen: „Wollen wir noch an die Krumme Lanke gehen?“

Wenn sie schon einmal in Zehlendorf war, warum nicht?

Draußen war es so grün, dass Miriam fast das Gefühl hatte, in einem Werbeclip zu laufen. Und was ihr als Erstes auffiel: Es war nicht zugebaut. Kein Rechenzentrum.

„Habt ihr hier wirklich keins?“, fragte sie.

„Meines Wissens nicht“, sagte Susann. Dann zögerte sie, als hätte sie sich bei einem Satz vertan, und tippte kurz mit dem Finger auf ihre Uhr und sprach leise eine Frage.

„Delphi“, murmelte Susann, die Miriams fragenden Blick bemerkt hatte. Einen Moment später nickte sie. „Ja. Vor fünf Jahren gab’s eine Bürgerinitiative gegen ein geplantes Rechenzentrum. War wohl erfolgreich.“

Miriam blinzelte. „Wow. Du hast deine KI dabei? Wir dürfen unsere nur für die Schule nutzen.“

„Echt?“, sagte Susann, und in ihrem Ton lag ehrliches Erstaunen. „Aber das Ding braucht man doch dauernd. Welche Version hast du?“

Miriam räusperte sich, es kostete sie etwas Überwindung, aber dann sagte sie: „BärKI.“

„Ah.“ Susann lächelte. Nicht spöttisch, eher wissend. „Das Standardmodell. Wir nutzen Delphi. Platin-Version. Haben bei uns eigentlich alle.“

„Ist das nicht teuer?“

Susann zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich… frag’ da nicht nach.“ Sie wechselte das Thema so schnell, dass es selbst Miriam auffiel. „Ich glaube, ohne Platin kommst du an meiner Schule gar nicht rein.“

„Hm. Meine KI ist umsonst.“

„Hat aber auch Vorteile“, sagte Susann. „Bei uns braucht man keine Lehrer.“

Miriam blieb stehen. „Was? Ihr habt keine Lehrer?“

„Na ja.“ Susann schob einen Stein mit der Schuhspitze über den Weg. „Wir haben KI-Manager. Betreuungsleute. Aber die können nur...“

„Hey“, unterbrach Miriam. „Was ist denn das? Schau mal! Der Typ läuft übers Wasser!“

Sie zeigte auf einen Mann, der seelenruhig über die Seeoberfläche stapfte. Er hatte ein Bier in der Hand.

Susann seufzte. „Jesus-Boots. Einer aus meiner Stufe hat die auch. Kosten ein Höllegeld – um die zwanzigtausend Token. Ich find’ die nervig. Beim Schwimmen musst du jetzt auch noch auf die aufpassen. Der schmeißt bestimmt nachher noch seine Flasche ins Wasser, wetten?“

Der Mann blieb mitten auf dem Wasser stehen und genoss die Blicke, als wären sie Teil des Preises.

Miriam sah Susann an. „Und was machen eure KI-Manager?“

„Die machen eher mit uns gemeinsam einen Fahrplan, wie wir mit unserem Agenten lernen sollen. Delphi ist unser Lehrer.“

„Kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagte Miriam. „Bei uns ist BärKI eher ein Helferlein. Für Prüfungen oder Projekte. Unsere Lehrer haben davon auch nur so semi Ahnung.“

„Prüfungen müssen wir gar nicht mehr machen“, sagte Susann.

Miriam lachte kurz – weil es sich wie ein Witz anhörte. „What? Und was ist mit Abi?“

Susann grinste. „Gibt’s bei uns nicht.“

„Aber… du brauchst doch irgendwas für später. Fürs Studium. Um einen Job zu kriegen.“

„Macht alles Delphi“, sagte Susann. „Ganz individuell. Wir reden ständig mit dem Agenten, auch zuhause. Er kennt jeden von uns in- und auswendig und kann beurteilen, wo man steht. Schummeln geht nicht. Wenn du genug Punkte hast, wirst du freigeschaltet: Hauptschule, mittlere Reife, Uni, MBA – oder in ganz seltenen Fällen direkt Harvard oder Cambridge.“

„Das klingt irgendwie gruselig“, sagte Miriam.

„Für Schüchterne ist es so viel einfacher: Niemand muss sich mehr vor der Klasse beweisen. Delphi beurteilt dich – angeblich fairer als jeder Lehrer.“

„Und wie ist das dann in der Schule? Habt ihr überhaupt noch Klassen?“

„Nicht so wirklich. Wir treffen uns immer zu Themen, diskutieren viel, Alter spielt da nicht so eine große Rolle. Wir nennen das ‘fluid schooling’. Ich find’s gut. Ich lerne mehr Leute kennen.“

Miriam war beeindruckt und gleichzeitig wütend, ohne zu wissen, auf wen genau. Bei ihnen in Marzahn gab es noch Klassen, noch Lehrer, noch Frontalunterricht, noch Prüfungen, noch Abi. Natürlich war alles KI-unterstützt – aber nur mit dem Billigmodell, das alle hatten. Es war so ungerecht.

„Und was macht ihr im Unterricht?“, fragte Susann. Sie schien wirklich interessiert.

„Wir lösen Probleme“, sagte Miriam. „Im Klassenverband. Und BärKI hilft uns dabei.“

„Was für Probleme?“

„Alles Mögliche.“ Miriam zählte an den Fingern ab. „Wie wir die Wasserknappheit im Sommer lösen, weil die Rechenzentren so viel Kühlwasser fressen. Wie wir mehr bezahlbare Wohnungen schaffen. Wie man die Robo-Busse flexibler macht. Meine Klasse hat dafür gerade ein Buchungs- und Navigationssystem programmiert. Da ist BärKI echt super – wir lernen mit ihr coden.“

„Cool“, sagte Susann.

Es brummte dezent. Susann blickte auf ihre Uhr.

„Mist“, sagte sie. „Delphi erinnert mich daran, dass ich noch was für morgen vorbereiten muss.“ Sie sah Miriam an. „Wie kommst du heim?“

Miriam hob die Schultern. „Mit Öffis?“

„Soll dich mein Robo-Auto bringen? Echt kein Problem.“

Miriam nickte, lächelte. „Aber wie kommst du dann heim?“

„Ich wohne gleich hier. Ich geh zu Fuß.“ Susann tippte auf ihrer Uhr. „Okay – Micky ist gleich da.“

„Micky?“

„So nenne ich mein Auto“, sagte Susann. „War schön, dich kennenzulernen. Und nächstes Mal zeigst du mir dann Marzahn? Auch wenn ihr dann vielleicht verloren haben werdet?“

Miriam grinste. „Ha ha. Im Traum! Aber klar, du kriegst von mir auf jeden Fall die Platin-Tour!“

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