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Mit der Rakete zum Bäcker?

Künstliche Intelligenz kann Demokratien aushöhlen. Oder ihnen dienen – wenn Europa den Mut aufbringt, eigene Wege zu gehen.

Nr. 3/2026 vom 28.05.2026

Image Credit: Cash Macanaya on Unsplash

Image Credit: Cash Macanaya on Unsplash

Sieben Jahre lang hat die US-Journalistin Karen Hao im Umfeld von OpenAI und anderen Branchenriesen recherchiert. In ihrem Buch Empire of AI zieht sie eine radikale Parallele: Die Strukturen des Silicon Valley gleichen denen der früheren Kolonialmächte. Sie beanspruchen Land, Wasser, Energie, Daten und geistiges Eigentum. Sie konzentrieren Wissen, Kapital und Infrastruktur in wenigen Händen. Und wie die Kolonisatoren vergangener Jahrhunderte verpacken sie ihren Beutezug in eine moralische Fortschrittserzählung. „If we continue down this path and we return to an age of empire,“ so macht Karen Hao im Mai beim Parlamentarischen Frühstück klar, „democracy will not survive“.

Neben der Veranstaltung im Bundestag, zu der die Digitalexpertin Rebecca Lenhard von Bündnis 90/Die Grünen eingeladen hatte, bereicherte Karen Hao noch eine weitere Veranstaltung im Rahmen des SCRIPTS-Forums „Emergent Digital (Dis-)Orders“ mit ihrer fundierten Analyse: die abendliche Diskussion in der DGAP-Villa am Tiergarten in der Reihe „Remaking America“ gemeinsam mit Prof. Dr. Anita Gohdes.

Bei beiden Veranstaltungen drängte sich dem Publikum schnell dieselbe, scheinbar ernüchternde Frage auf: Was kann Europa überhaupt noch tun? Ein Kontinent, der im globalen KI-Wettrüsten abgeschlagen hinterherhinkt, dessen Rechenkapazität gerade einmal fünf Prozent des weltweiten Anteils ausmacht und der schlicht nicht über die astronomischen finanziellen Ressourcen der USA oder Chinas verfügt?

Europa sollte erst gar nicht versuchen, im globalen Wettrennen mitzuspielen, so Haos klare Antwort. Im Silicon Valley gelte das Dogma der maximalen Skalierung: Immer mehr Daten, immer mehr Rechenleistung, immer gigantischere Modelle. Allein zwischen GPT-2 und GPT-4 wurde die eingesetzte Rechenkraft um den Faktor 10.000 gesteigert. Der Grund: Es ist einfacher, unvorstellbare Mengen an Rechenleistung auf ein Problem zu werfen, als schlankere, intelligentere Methoden zu entwickeln. Wer heute eine simple KI-Anfrage stellt, bei der das System im Hintergrund das gesamte Internet umwälzt, handelt in etwa so nachhaltig, als würde er mit einer Weltraumrakete zum Bäcker fliegen.

„Fahrräder der KI“

Würde Europa in eine stumpfe Aufholjagd einsteigen, finanzierten europäische Steuergelder am Ende womöglich neue Infrastruktur, von der vor allem US-Konzerne, Cloud-Anbieter und Chip-Hersteller profitieren. „But there's a plenty of research that shows that you don't actually need scale to to reach career performance“, führt Hao weiter aus, „You can also just simply use different methods to get these same exact capabilities.“

Wenn das Silicon Valley die Rakete baut, so Haos Schluss, sollte Europa die „Fahrräder der KI“ entwickeln. Spezialisierte, energieeffiziente und vertrauenswürdige Anwendungen könnten konkrete gesellschaftliche Ziele verfolgen, wie Krebserkennung, Wirkstoffforschung, Klimaschutz oder Bildung. Solche Systeme wären nicht nur kostengünstiger und ressourcenschonender – eine klare, wertebasierte Vision würde auch weltweite Top-Talente anziehen.

Dass der Markt reif für eine solche Wende ist, zeigt der wachsende Widerstand im Mutterland der KI. In den USA stehen mittlerweile 80 Prozent der Menschen der Technologie skeptisch gegenüber. Bürgerinitiativen protestieren gegen den extremen Wasser- und Stromverbrauch neuer Rechenzentren, Kreative klagen gegen die illegale Ausbeutung ihres geistigen Eigentums, und Whistleblower aus den Tech-Konzernen selbst machen in offenen Briefen Missstände öffentlich.

Wie tiefgreifend der Einfluss von KI auf die globale Weltordnung ist, machten die Expertinnen in den Berliner Debatten deutlich. Beim Frühstück im Bundestag erweiterte Dr. Katya Munoz die ökonomische Perspektive um eine sicherheitspolitische Komponente: Digitale Souveränität ist keine Frage von Wirtschaftsförderung, sondern von nationaler Sicherheit. Wenn Europa seine kritische Infrastruktur nicht selbst besitzt oder kontrolliert, kann es im Ernstfall – etwa bei einem Blackout oder einer gezielten Desinformationswelle – nicht einmal sicher unterscheiden, ob eine Störung technischer, kommerzieller oder politischer Natur ist.

Am Abend in der DGAP schärfte Prof. Dr. Anita Gohdes, die zu digitaler Repression und Autoritarismus forscht, den Blick für die geopolitischen Mythen der Industrie. Besonders die sogenannte „China-Karte“ wird im Silicon Valley gern ausgespielt: „Reguliert uns nicht, sonst gewinnt Peking.“ Laut Karen Hao zieht dieses Argument jedoch immer weniger. Im Silicon Valley selbst nutzen Entwickler mittlerweile massenhaft chinesische Open-Source-Modelle, weil sie oft günstiger und effizienter sind als Chat GPT und Co.

Beide Berliner Gespräche zeigten, wie tiefgehend politisiert das Thema KI ist. Es geht um Rechenzentren, die lokale Strompreise in die Höhe treiben und den Gemeinden das Wasser abgraben. Es geht um Urheberrechte und prekäre Klick-Arbeit. Vor allem aber geht es um die ethische Frage, warum demokratische Gesellschaften eine Technologie bedingungslos akzeptieren sollten, deren Infrastruktur und Entscheidungslogiken sich jeder demokratischen Kontrolle entziehen.

Weitere Informationen

In diesem kurzen Video reflektieren Karen Hao und Prof. Anita Gohdes über die Zukunft von KI und Demokratie.