Über die Möglichkeiten Utopien zu denken
Kann ein Workshop unsere Sicht auf KI verändern? Isabella Hermann berichtet von einem SCRIPTS-Szenario-Workshop, der bei den Teilnehmenden echte Zuversicht hinterließ.
Nr. 4/2026 vom 15.06.2026
In dem SCRIPTS-Workshop war ich eine der drei „Science-Fiction-Expert*innen“, die jeweils eine Gruppe von 5 Leuten dabei unterstützt haben, Szenarien für KI-Zukünfte für die nächsten zehn Jahre zu entwickeln. Es gab für jedes der drei Szenarien allerdings eine Vorgabe: Eines sollte dystopisch sein, eines utopisch und eines sollte ambivalent sein. Mir fiel die Aufgabe zu, das utopische Szenario zu begleiten. Ausgerechnet, denn Utopien gegenüber bin ich eher kritisch eingestellt. Die Idee einer „perfekten Gesellschaft“ kann nämlich schnell ins Autoritäre kippen. Zudem hatte ich in früheren Workshops die Erfahrung gemacht, dass positive Zukunftsbilder oft entweder klischeehaft ausfallen („Wir haben fliegende Autos und Haushaltsroboter“) oder von einem unrealistischen Menschenbild ausgehen („Wenn alle Menschen nur ausreichend informiert sind, treffen sie automatisch die richtigen Entscheidungen“), sodass die Szenarien im Grunde keine Orientierung für konkretes Handeln im Hier und Jetzt geben. Doch meine anfängliche Skepsis schlug schnell in Ehrgeiz um: Könnten wir gemeinsam eine Zukunft entwerfen, in der wir tatsächlich leben wollten? Challenge accepted!
So haben wir zu Beginn in unserer Gruppe erst einmal gesammelt, welche KI-Anwendungen für die Zukunft wünschenswert wären. Dabei entstand ein vielfältiges Bild: eine gerechte und effiziente Gesundheitsversorgung durch KI-Systeme, KI-gestützte Wissensvermittlung in Schulen, die Lehrkräften mehr Raum für Diskussions- und Dialogkultur eröffnet, digitale Assistenten als Brücke zwischen Bürger*innen und Verwaltung, digitale Souveränität und Open-Source-Anwendungen sowie eine Regulierung, die Geschäftsmodelle untersagt, deren Algorithmen gesellschaftliche Spaltung fördern.
Im nächsten Schritt übersetzten wir diese Ideen in eine Lebenswelt. Auf einem Flipchart entstand in Stichworten die Zukunft des Teenagers Kai mit einem ganz normalen Tagesablauf, an dem wir unsere Vision durchspielten. Kai lebt in einer Gesellschaft, die von Selbstwirksamkeit, zwischenmenschlichen Beziehungen und gesellschaftlicher Teilhabe geprägt ist. KI arbeitet dabei im Hintergrund und schafft Freiräume für Bildung, Engagement und soziale Beziehungen. Im Zentrum dieser Zukunft steht nicht die Technologie selbst, sondern die Frage, wie sie individuelle Entfaltung, soziale Verbundenheit und demokratische Mitgestaltung fördern kann.
Wir alle in der Gruppe waren sehr angetan von dieser Zukunftswelt. Ein Teilnehmer zeigte sich besonders begeistert: Noch nie zuvor habe er so positiv über die Zukunft nachgedacht, sagte er, und genau das sei für ihn die größte Erkenntnis des Workshops gewesen, denn wenn etwas denkbar ist, dann ist es auch umsetzbar. Dieser Moment blieb mir besonders in Erinnerung, weil er deutlich machte, wie selten wir uns im Alltag die Zeit nehmen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir eigentlich leben wollen. In Wirtschaft, Politik und Medien geht es oft um die neuesten Technologien, aber nicht darum, wie diese auf das Allgemeinwohl und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzahlen. In dem nur dreistündigen Workshop mit lediglich einer Stunde Szenarioarbeit haben unterschiedliche Menschen nun ein erstrebenswertes Zukunftsbild entwickelt, an dem wir unser Handeln ausrichten können, sei es im Alltag, Beruf oder im ehrenamtlichen Engagement. Und so können wir alle den ersten Schritt für Veränderung gehen.
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