Dystopisches Szenario: Berlin 2036
Nr. 3/2026 vom 02.06.2026
Verfasst von Theresa Hannig und dem Dystopia Team, entstand dieser literarische Text im Rahmen der SCRIPTS-Forum-Veranstaltung Four for the Future: AI and the Future of Liberal Societies. Basierend auf einem experimentellen Szenario-Workshop mit Science-Fiction-Autor:innen und Sozialwissenschaftler:innen entwirft er ein dystopisches Berlin im Jahr 2036, in dem Künstliche Intelligenz nahezu jeden Bereich des Alltags prägt.
Im Jahr 2036 hat sich Deutschland in eine entmenschlichte Tech-Dystopie verwandelt. Es regiert eine Partei, die so rechtsradikal und inkompetent ist, dass sie selbst im Vergleich zur AfD nur als zweite Wahl erscheint: Die BfD.
In nahezu allen Lebensbereichen hat sich Künstliche Intelligenz ausgebreitet, was zu allgemeiner geistiger und körperlicher Lethargie der Menschen geführt hat. Sie sind es gewohnt, dass die KI so gut wie alle Aufgaben für sie übernimmt. Denken ist anstrengend, Handeln auch. Deshalb verbringen die Bürger:innen einen Großteil ihrer Zeit in den eigenen vier Wänden vor dem ein oder anderen Bildschirm, lassen sich alles nach Hause liefern, wollen mit anderen anstrengenden Menschen so wenig wie möglich zu tun haben und konsumieren immer mehr digitale statt realer Produkte. Echtweltliche Waren und Dienstleistungen sind Luxus!
Da in der Anfangszeit des KI-Booms die Token noch vergleichsweise billig waren, wurde ein Großteil der White-collar worker durch KI ersetzt. Die Folge ist hohe Arbeitslosigkeit unter gut ausgebildeten Akademiker:innen wie Programmierer:innen, Jurist:innen und Journalist:innen.
Als dann schließlich die KI-Modelle besser und teurer wurden, konnten sich viele Arbeitgeber und Unternehmen diese nicht mehr leisten. Weil die Wiedereinstellung menschlicher Arbeitskräfte jedoch als Rückschritt empfunden wurde – und für die verantwortlichen Manager einem Schuldeingeständnis ihres eigenen Versagens gleichgekommen wäre – kam sie meist nicht infrage.
Wer noch einen Büro-Job hat, kann sich glücklich schätzen und ist es doch nicht, weil der Umgang mit mittelmäßigen KI-Modellen, die Kreativität, Produktivität und Selbstwirksamkeit der Personen sabotiert. Depressionen, Boreout und Lethargie sind an der Tagesordnung.
So verharren viele Unternehmen, Verwaltungen und Dienstleister auf einem unterdurchschnittlichen KI-Niveau, bei gleichzeitig überdurchschnittlichen Kosten. Trotzdem hält sich hartnäckig der Glaube, dass durch KI und Automatisierung alles besser wird.
Die hohe Arbeitslosigkeit und die alternde Gesellschaft belasten die Sozialsysteme zusätzlich. Kein Wunder, dass Deutschland in einer tiefen Krise steckt. Die Tech-Konzerne verschlimmern das Problem zusehends, da sie ihre enormen Gewinne nicht in Deutschland versteuern und sich außerdem durch Public-Private Partnership in den IT-Systemen der Verwaltung eingenistet haben. Selbst wenn es also jemanden geben sollte, der der KI Einhalt gebieten will – er könnte es nicht, da sie schon längst zum Teil des Systems geworden ist.
Wer seinen Job und alle Hoffnung, ihn wiederzubekommen bereits verloren hat, verdingt sich als Microjobber auf einer der unzähligen Jobplattformen, auf denen kleine und kleinste Gigs vergeben werden. Deshalb holt der arbeitslose Architekt jetzt ein Haustier vom Friseur ab, die Chemikerin bringt den heißen Starbucks Kaffee zum Schreiner und die Ingenieurin stellt sich als Proxi in die Schlange um den neueste IBrainLink für einen Kunden zu kaufen. Dafür erhalten sie keinen Mindestlohn, sondern nur das, was die Gig-Anbieter bereit sind zu zahlen – und es gibt genug Leute, die jeden Job annehmen!
Denn die Sozialhilfe ist wirklich ein Hungerlohn, der oft in Naturalien und nicht in Geld ausgezahlt wird. Verhungern muss zwar niemand, denn glücklicherweise gibt es öffentliche Nahrungsmittelautomaten, die on demand und ohne Limit Proteinvitaminriegel drucken. Ein kulinarischer Hochgenuss ist das allerdings nicht.
In einer solchen Welt ist es zum Luxus geworden, naturbelassene Lebensmittel zu kaufen, echtes Essen in einem Restaurant zu bestellen oder eine Dienstleistung von einem Menschen in Anspruch zu nehmen. Wer Geld wie Heu hat, engagiert menschliche Ärzt:innen, Erzieher:innen, Physiotherapeut:innen, Lehrkräfte und Pflegepersonal – wer will sich den Hintern schon von einer Maschine abwischen lassen? Für die allermeisten werden aber auch diese Dienstleistungen mittlerweile mehr schlecht als recht von Bots und KIs übernommen. Der Kapitalismus und die Automatisierung beherrschen die Märkte und sie machen das Leben nicht leichter, sondern nur mittelmäßig und teuer.
Gut, dass auch die öffentliche Sicherheit mithilfe der KI-Technologie automatisiert werden konnte. Digitale Nachverfolgung, Kameraüberwachung in öffentlichen Räumen und Predictive Policing sorgen dafür, dass unzufriedene Menschen voneinander getrennt werden, bevor sie sich zur Revolution oder zum Sturm gegen die Maschinen zusammenrotten können. Im Jahr 2036 ist das eine ganz besondere Herausforderung, denn die Olympischen Spiele sollen in Berlin eröffnet werden.
Wir befinden uns im Wartezimmer eines Berliner Ärztezentrums. Es ist später Vormittag, etwa 10 Uhr. Das Wartezimmer hat den Charme eines alten Lehrerzimmers: Heruntergekommene Sitzgelegenheiten, Tische auf denen speckige Zeitkritischen liegen, abgenutzter Teppichboden. Es riecht nach Armut und schlechter Mundhygiene. Dort, wo der Staubsaugerroboter zwischen den Stuhl- und Tischbeinen pflichtschuldig seine Runden dreht, ist immerhin kein Staub zu finden. Dreck und Wollmäuse sammeln sich in den Ecken. Im flackernden Licht (die Verkabelung dieses Gebäudes hat schon bessere Zeiten gesehen) sitzen Martin und Amira auf wackligen Stühlen und warten auf ihren Zahnarzttermin.
Sie fühlen sich unwohl. Sie haben sich überwinden müssen, das Haus zu verlassen und den ganzen Weg bis hierher in ihr Handy gestarrt. Doch aus irgendeinem Grund ist der Empfang in diesem Wartezimmer noch schlechter als sonst. Die Videos im Social Media Stream wollen nicht laden und irgendwie scheint es auch eine gute Idee zu sein, den Raum im Blick zu behalten – nur für den Fall, dass ein Teil der Decke runterkommt und man schnell das Weite suchen muss. Als tatsächlich ein Stück Putz von der Wand blättert, erschrecken sich beide so sehr, dass die lachen, ins Gespräch kommen und feststellen, dass es doch ganz nett ist, sich mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu unterhalten. Sie müssen sich auf Anhieb schon sehr sympathisch sein, denn obwohl ihnen beiden offensichtlich einiges an Sozialkompetenz fehlt, bemühen sie sich, das Gespräch am Laufen zu halten. Sie äußern zwischenzeitlich die Idee, doch lieber per Handy zu connecten und nebeneinandersitzend zu chatten – da kann man immerhin eine Menge Emojis, KI generierte Witze oder sonstige Kommunikationsfacilitatoren benutzen - aber nach wie vor: Das Internet ist hier Mangelware.
Nach gute zwei Stunden kommt Stefan ins Wartezimmer. Ihn irritiert die ungewohnte Konversationslust zweier offensichtlich fremder Menschen im öffentlichen Raum. Wie jeder normale Mensch zieht er zunächst sein Handy aus der Tasche und versucht der sozial anstrengenden Situation aus dem Weg zu gehen. Doch die beiden zeigen, dass die Handys hier nur für bessere Beleuchtung taugen und laden ihn ein, sich ans imaginäre Lagerfeuer zu setzen. Es scheint noch ein bisschen zu dauern bis hier irgendjemand aufgerufen wird. Und es tut gut, an diesem seltsamen Ort eine Gemeinschaft zu bilden, denn aus dem Nebenzimmer dringen unheimliche Geräusche. Es gibt offenbar noch ein zweites Wartezimmer, in dem sich wesentlich mehr Menschen aufhalten. Man kann ihre Schemen durch ein Milchglasfenster in der Tür sehen. Aber weder Amira noch Martin noch Stefan wagen es, die Tür zu öffnen. Die Menschen dort drüben sind laut und aggressiv; sie beschweren sich, brüllen zuweilen sogar, es könnte auch sein, dass der ein oder andere Stuhl zu Bruch geht. Dort stranden all jene, bei denen die Versicherungs-KI festgestellt hat, dass die Behandlung aus Kostengründen entfällt. Die Patient:innen gehen nicht nach Hause. Stattdessen bleiben sie in Nichtwartezimmer, schimpfen und hoffen auf ein Wunder. Amira ist froh, dass sie seit Stunden hier sitzt, denn das bedeutet offenbar, dass sie sich ihre Behandlung heute leisten können wird. Das wäre auch nur recht und billig. Immerhin verdient sie als Fliesenlegerin gutes Geld und zahlt Unmengen an Steuern und Abgaben… da wird eine Zahnfüllung ja wohl drin sein!
Stefan schwelgt in Erinnerungen, wie er früher als Webdesigner gearbeitet hat. Die Honorare von damals, ein Traum! Heute ist er arbeitslos und findet seit Jahren keinen Job mehr in der IT. Als er darauf eingehen will, wie sich die Cybersicherheit durch den Einsatz von KI verändert hat, wird er über eine Lautsprecherdurchsage ins Behandlungszimmer gerufen.
Martin und Amira blicken ihm ratlos hinterher. Sie warten doch schon viel länger als er. Also nutzt Martin die Gelegenheit und erzählt Amira von den guten alten Zeiten, als er noch als Anwalt gearbeitet hat. Seit sechs Jahren ist er jetzt arbeitslos und verdient sich durch Microjobs auf den Plattformen was dazu. Gerade als er berichtet, wie er seinen letzten Fall an eine Jura-KI verloren hat, erscheint ein Lieferbot und drückt Amira einen lauwarmen Pizzakarton in die Hand.
Amira flucht, weil sie vergessen hat, die automatische Lieferung zu pausieren. Üblicherweise lässt sie sich um 12 Uhr Pizza liefern. Aber sie hat nicht damit gerechnet, dass die KI das auch fortführt, wenn sie statt auf der Baustelle zu arbeiten im Wartezimmer sitzt. Zahlen muss Amira natürlich trotzdem. Also lädt sie Martin ein, mitzuessen. Dieser ist begeistert, heute Morgen gab es nämlich nur einen schnellen Proteinriegel auf die Faust. Er versichert Amira, dass sie sich wirklich nicht schämen muss, sich nur Substratpizza leisten zu können – jeder weiß doch, dass eine echte Pizza aus Mehl (viel zu teuer), Hefe (ohne Genmanipulation!), mit Tomaten (was für ein Luxus!) und Käse (wer soll das bezahlen!?) nur noch für die da oben erschwinglich ist. Die CO2-Abgaben auf die ganzen Produkte sind viel zu teuer. Schade nur, dass Substratpizza so schlecht für die Zähne ist!
Weil seit Stunden niemand mehr versucht hat, Social Media Videos anzugucken, kommt jetzt wenigstens die Push-Nachricht einer Pressemeldung durch: Anthropic und Deep Seek führen in Tansania mal wieder Krieg um seltene Erden.
Nach einer weiteren Stunde beschließen Martin und Amira das Warten sein zu lassen und stattdessen zur Eröffnung der Olympischen Spiele zu gehen. Also verlassen sie ungerichteter Zähne das Ärztehaus und treffen auf der Straße Stefan wieder. Dieser hält sich ein Kühlpack an die Backe und lächelt schief. Er konnte sich die Behandlung leider doch nicht leisten und hat sich stattdessen die Zähne ziehen lassen. Immerhin hat er so noch ein bisschen Geld verdient. Denn die Zahnarztpraxis kann das Gold aus den alten Füllungen gut gebrauchen und auch die Zähne als neuen Zahnersatz verwenden.
Gemeinsam laufen die drei zum Olympiastadion, wo die Eröffnungsfeier stattfinden soll. Doch weit vor dem Einlass gibt es eine Blockade. Securitybots der Berliner Polizei und des IOCs lassen nur ausgewählte Zuschauer auf die Partymeile. Amira und Martin werden abgelehnt. Aber Stefan bekommt ein grünes Licht. Durch das gemeinwohlorientierte Spenden seiner Zähne hat er genug Credits gesammelt, um einen Tagespass für einen Stehplatz zu bekommen.
Als es endlich losgeht, ruft Stefan Martin und Amira an.
„Wie ist die Eröffnungsfeier?“, fragt Amira.
„Total schön! Das Display ist riesig!“
Wo die Olympischen Spiele 2036 stattfinden? Das weiß niemand. Berlin hat lediglich die Lizenzrechte für die Live-Übertragung bekommen.
— Ende —

