Keine Wunder, keine Aliens! Wie verändert KI liberale Gesellschaften bis 2036?
In einem Berliner Szenario-Workshop suchen Wissenschaft und Science-Fiction gemeinsam nach Antworten. Dabei zeigt sich: Eine gute Zukunft muss man sich erst einmal zutrauen.
Nr. 1/2026 vom 28.05.2026
Berlin, Friedrichstraße. Wir schreiben das Jahr 2036: auf Klebezetteln, Flipcharts, in Laptops. 17 Menschen aus verschiedensten Berufen und Generationen sind an diesem Freitagnachmittag im Mai in die Hertie School gekommen, um das zu trainieren, was angesichts multipler Krisen und rasanten Fortschritts zunehmend schwerfällt: sich eine Zukunft vorzustellen, in der wir gerne leben wollen.
Eine Doktorandin ist dabei, ein Head of AI eines bayerischen Unternehmens, ein pensionierter IT-ler, der noch mit Nullen und Einsen programmieren gelernt hat. Manche haben eine Menge Science-Fiction-Romane gelesen, zwei von ihnen sogar einige geschrieben. Eine Teilnehmerin beschäftigt sich mit dem neokolonialen Gebahren der Techgiganten, eine andere forscht zu Wirtschaften jenseits des Wachstums.
„Contested Futures“ heißt das ungewöhnliche Experiment, das zusammenbringen will, was sonst eher einseitige Beziehungen eingeht: Wissenschaft und Fiktion. Veranstaltet wird es vom Exzellenzcluster SCRIPTS gemeinsam mit der Kreuzberger Science-Fiction-Buchhandlung Otherland und ist Teil des SCRIPTS Forums. Die Veranstaltungsreihe bringt interdisziplinäre Forschung in den öffentlichen Dialog – in diesem Jahr fragt sie, wie künstliche Intelligenz die globale politische Ordnung verändert.
„Um die Zukunft zu gestalten, müssen wir lernen, gemeinsam über sie nachzudenken, statt sie nur auf uns zukommen zu lassen“, erklärt Boris Nitzsche von SCRIPTS die Idee hinter dem Projekt. Das Werkzeug dafür: Szenarien. Bereits in den 1950er-Jahren wurde die moderne Szenariotechnik vom Nuklearstrategen Herman Kahn entwickelt, um das „Undenkbare“ des Kalten Krieges zu simulieren.
Heute sind Szenarien ein gängiges Instrument der Zukunftsforschung und durch Autorinnen wie Florence Gaub oder Jane McGonigal auch einem größeren Publikum bekannt geworden. Dabei sollen Szenarien nicht die Zukunft vorhersagen, sondern mögliche Entwicklungen sichtbar machen, Entscheidungspunkte markieren und Handlungswege öffnen. Statt einer einzigen Prognose schlagen sie Probekapitel der Zukunft auf.
Theresa Hannig (Science-Fiction-Autorin und Kolumnistin in der taz), Isabella Hermann (Politikwissenschaftlerin und SF-Expertin) und Jens Lubbadeh (ZEIT-Journalist und SF-Autor) wirken als Coaches im Trainingslager der Vorstellungskraft. In drei Teams werden die Szenarien entwickelt: Dystopie, Utopie, Ambivalenz. Die Regeln scheinen simpel: plausibel und konkret werden; keine Wunder, keine Aliens!
Zweieinhalb Stunden später wird präsentiert. Die Dystopie ist als Erste dran – und bei aller Trostlosigkeit ziemlich unterhaltsam. Vielleicht, weil die schlechte Zukunft erzählerisch dankbar ist: Sie hat Drama, Pointen, den ästhetischen Reiz des Verfalls. Das Szenario beginnt im Wartezimmer eines Robo-Docs und endet bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin. Doch statt auf echte Sportler blicken die Besucher auf gigantische Screens. Für die richtigen Spiele hat es mal wieder nicht gereicht. Lacher, Beifall.
Das ambivalente Szenario führt in die Schule: Während an der einen alle Kinder mit einer staatlichen, gemeinwohlorientierten KI lernen, leisten sich die Eltern der anderen Premiumsysteme mit besseren Modellen und Platinzugängen. Hier treffen alte Klassenunterschiede auf neue Zugänge für alle. Auch die Utopie spielt im Schulkontext: KI wird da zum „Buddy“ für Bildung und Gemeinwohl, die Lehrkräften Zeit für Ethik, Debattierkunst und mentale Gesundheit freischaufelt – und in Rekordzeit einen Skatepark entstehen lässt,weil die Technik bürokratische Hürden einfach pulverisiert und so für Selbstwirksamkeit statt Systemfrust sorgt.
Die Utopie hatte es von allen drei Szenarien wohl am schwersten. Während Dystopie und Ambivalenz den Status quo ins Negative fortschreiben können, muss die schöne Vision weit mehr leisten: nicht nur warnen, sondern versprechen – und das ohne naiv oder langweilig zu werden. Ob es deswegen an so dringend benötigten positiven Zukunftsbildern fehlt, die verschiedenste Stimmen vom Club of Rome bis Scientists for Future mit Blick auf erodierende Demokratien so regelmäßig wie dringend fordern?
„Wirklich eine wünschenswerte Utopie zu entwerfen, und nicht versteckt doch wieder eine Anti-Utopie oder ein autoritäres System, bei dem man gedanklich sehr viel schneller ist,“ empfand denn auch Hermann als große Herausforderung. Bevor die Teilnehmenden in ihrer Gruppe das erste positive Bild skizzierten, mussten sie zunächst das politische Fundament sanieren – Monopole zerschlagen, Tech-Gewinne vergesellschaften, ein Grundeinkommen einführen –, und dabei erfahren, dass sich Arbeit an der Zukunft durchaus anfühlen kann wie eine Zeitreise in die Sit-ins der Siebziger.
Wie stark die eigene Weltanschauung beeinflusst, welche Kausalitäten man in die Zukunft hineinliest, bemerkt denn auch ein Teilnehmer in der Schlussrunde als interessante Beobachtung – und benennt somit eine willkommene Nebenwirkung der Szenariotechnik: sich über die eigenen Vorannahmen über die Gegenwart bewusst zu werden.
Wie wenig der Workshop dem medialen Schwarz-Weiß-Bild von KI entspricht, findet Jens Lubbadeh interessant: „Niemand habe einfach die Apokalypse herbeigeredet.“ Ein Teilnehmer ist überrascht von der „Bandbreite an Unsicherheiten“, die sichtbar geworden sei. Und eine Frage bleibt im Raum: Ist KI „eher Brandbeschleuniger oder Katalysator zum Guten“?
Am nächsten Abend in der Buchhandlung Otherland im Kreuzberger Bergmannkiez wird auch hierauf nach Antworten gesucht. Bis unter die Decke sind die Regale voll mit fantastischen Geschichten. Davor sitzen Hannig, Hermann und Lubbadeh mit der Politikwissenschaftlerin, China-Expertin und SCRIPTS-Forscherin Prof. Genia Kostka von der FU Berlin auf dem Podium. KI stärke nicht automatisch Demokratie oder Autokratie, sondern das System, in das sie eingebaut ist, führt Kostka aus. In einer liberalen Ordnung könne sie Transparenz, Teilhabe und Fairness fördern. In einer autoritären Ordnung Kontrolle, Effizienz und Regimestabilität.
Nicht nur dafür lohnt sich ein Blick nach China: Manche Debatten seien dort bereits viel weiter als bei uns, würde mehr in KI investiert, sei der Umgang mit der neuen Technologie weniger zögerlich. Europa dagegen drohe in Sachen KI eher zum „Taker als Shaper“ zu werden. In zehn Jahren, so Kostka, stünden in Berlin vermutlich die Themen an, die China aktuell verhandelt.
Wie etwa die emotionale Bindung von Mensch an Maschine. Die Forschungen zeigen, dass ein Drittel der User Chatbots als „Freund“ bezeichnet, 60 Prozent sagen Danke. „Über die Ergebnisse könne man staunen“, sagt sie. „Man hätte aber auch vor Jahren den Film Her schauen können“. Während die Wissenschaft den Entwicklungen hinterher rennt, ist KI für die Science-Fiction ein alter Hut: In Büchern und Filmen lieben, trösten und täuschen Maschinen schon seit Jahrzehnten.
Zwischen Fantasie und Forschung liegt denn auch der Reiz des Formats. Science-Fiction ist keine „Glaskugel, mit der man in die Zukunft schauen kann“, so Wolfgang Tress vom Bookstore Otherland, „aber ein Gedankenraum“. Wissenschaft hingegen kann Machtverhältnisse, Governance und globale Unterschiede sichtbar machen. In der Kombination entstehen plausible Szenarien, die man verhindern oder anstreben mag.
Was aber tun, damit die Utopie wahrscheinlicher wird? NGOs unterstützen, sich in Parteien engagieren, alternative soziale Medien nutzen, offene Systeme stärken – die Antworten vom Podium klingen klein angesichts technologischer Übermacht. Aber vielleicht ist genau das der Sinn von Szenarien: das Abstrakte so konkret zu machen, dass Handlungsspielräume überhaupt erst sichtbar werden.
An diesem Abend im Mai erscheint die Zukunft zumindest nicht wie etwas, das über alle hereinbricht wie der Frühling draußen vor der Tür, sondern wie ein Raum, den man betreten, beschreiben, verändern kann. Ohne Aliens. Aber die finden im Otherland auch so ihren Platz.

