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Wir müssen über Russland sprechen

SCRIPTS-Blogbeitrag Nr. 85 mit Gwendolyn Sasse

Anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches „Russland – Eine deutsche Erfindung“ spricht Gwendolyn Sasse in diesem Interview darüber, was deutsche Russlandbilder über unsere Demokratie verraten.

Book discussion on Gwendolyn Sasse’s latest book, ‘Russia – A German Invention’.

Book discussion on Gwendolyn Sasse’s latest book, ‘Russia – A German Invention’.
Bildquelle: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

SCRIPTS erforscht, was Demokratien unter Druck setzt und was sie widerstandsfähig macht. Warum müssen wir in diesem Zusammenhang über deutsche Russlandbilder sprechen?

Gwendolyn Sasse: Liberale Ordnungen werden von außen und innen durch autoritäre Akteure herausgefordert. Zugleich werden sie verletzlich, wenn das Vertrauen in demokratische Aushandlungsprozesse schwindet. Unser Blick auf Russland sagt viel darüber aus, was wir von unserer eigenen Demokratie erwarten und wie sehr wir ihr vertrauen. Er zeigt, wo autoritäre Versprechen attraktiv werden. Denn demokratische Resilienz beginnt nicht erst bei den Institutionen, sondern auch beim Individuum.

Ihr Buch heißt „Russland – Eine deutsche Erfindung“. Wann haben die Deutschen begonnen, sich ihr Russland zu „erfinden“?

Das sind längere historische Linien. Manche intellektuellen Debatten des 19. Jahrhunderts klingen heutigen Diskussionen erstaunlich ähnlich – wenn es etwa um die Vorstellung geht, Russland sei eine Alternative zum Westen: eine authentischere Gesellschaft, die noch nach Werten lebt, die wir angeblich verloren haben. In meinem Buch konzentriere ich mich vor allem auf die Zeit seit 1989/91. Erstaunt hat mich, wie oft die Befragten Gorbatschow ins Gespräch brachten. Die positive Erinnerung an die damalige Öffnung kann wie ein Filter wirken: Sie überlagert die Entwicklungen der Jahrzehnte danach und verstellt den nüchternen Blick auf die heutige russische Außenpolitik.

Prägend war auch Putins Bundestagsrede von 2001. Wie Katja Gloger und Georg Mascolo für ihr Buch zur deutschen Russlandpolitik recherchiert haben, wirkten deutsche Vertreter an der inhaltlichen Ausrichtung der viel zitierten Rede aber maßgeblich mit …

… und zeigten damit, wie deutsche Akteure – in diesem Fall der damalige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Horst Teltschik, und der Vorsitzende des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold – das Bild von Putin als kooperationsbereitem Partner aktiv mitgestaltet haben – noch dazu vor dem Hintergrund des zweiten Tschetschenienkriegs. Man schuf sich damit auch das Russlandbild, das zur eigenen politischen Linie passte. Vor diesem Hintergrund erscheint der Kontrast zu seinem Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, wo Putin die westliche Politik scharf angriff, weniger groß.

Für Ihr Buch suchen Sie die Perspektive „von unten“. Sie haben Menschen nicht nur in Umfragen, sondern auch in langen Gesprächen befragt. Bei der Auswertung arbeiten Sie mit „Denkräumen“ statt mit „Bildern“. Was lässt sich so besser erfassen?

Ein Bild wirkt eher statisch. Denkräume beschreiben dagegen eine Bandbreite von Vorstellungen entlang einer Achse. Menschen können sich innerhalb dieser Räume bewegen und zugleich Elemente verschiedener Denkräume verbinden. Das Konzept macht damit auch Ambivalenzen, Widersprüche und Veränderungen sichtbar: In Krisen werfen Menschen ihre Vorstellungen selten von heute auf morgen vollständig über den Haufen. Häufig passen sie ihre Haltung an, ohne den vertrauten Denkraum ganz zu verlassen.

Die Bundesregierung agierte über Jahrzehnte im Denkraum „Russland als Partner/Freund“, obwohl Nachrichtendienste früh warnten und die Tschetschenienkriege ein klares Signal gewesen wären. Warum?

Hier griffen wirtschaftliche Interessen und politisches Wunschdenken ineinander. Als die Hoffnung schwand, durch Kooperation Veränderungen in Russland anzustoßen, konzentrierte sich die Politik zunehmend darauf, die engen Wirtschaftsbeziehungen und günstigen Energieimporte zu erhalten. Die sicherheitspolitischen Risiken dieser Abhängigkeit wurden dabei ausgeblendet. Nord Stream 2 etwa wurde immer wieder als rein privatwirtschaftliches Projekt dargestellt. Ein Vorhaben dieser Größenordnung hat aber zwangsläufig eine politische und sicherheitspolitische Dimension. Es fehlte nicht an Informationen, sondern an der Bereitschaft, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Seit dem 24. Februar 2022 ist die Bundesregierung im Denkraum „Russland als Risiko/Feind“ angekommen. Gleichzeitig halten AfD und BSW am Denkraum „Partner/Freund“ fest und ernten damit Wählerstimmen. Wie erklären Sie diese Gleichzeitigkeit?

Politische Denkräume sind stark von Emotionen und Zukunftsängsten geprägt. Parteien wie AfD oder BSW nutzen diese Gefühle gezielt für ihre Mobilisierung. Während die Bundesregierung und große Teile der Gesellschaft ihren Blickwinkel nach dem Schock des Angriffskrieges der Realität zumindest teilweise anpassen mussten, bedienen populistische Kräfte ein tiefsitzendes Wunschdenken nach Stabilität, Frieden und einer Rückkehr zu vermeintlich günstigen Rohstofflieferungen.

Die Russlandaffinität in Ostdeutschland wird häufig mit der DDR-Sozialisation und der staatlich verordneten „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ erklärt. Kann das sein?

Meine in der DDR sozialisierten Gesprächspartner blieben hier ambivalent. Die meisten erzählten, dass sie nicht gern Russisch gelernt hatten und es so gut wie keine Kontakte zu sowjetischen Soldaten – von den meisten als „die Russen“ beschrieben - gab. In der heutigen Erinnerung erscheint diese verordnete und nicht gelebte Freundschaft jedoch wichtiger und identitätsstiftender, als sie es damals war. Warum? Nach großen Umbrüchen werden Erfahrungen in der Erinnerung neu geordnet. Gerade wer die Transformation als enttäuschend erlebt hat, kann einzelne Elemente der Vergangenheit aus ihrem politischen Kontext lösen und der Gegenwart gegenüberstellen. Positive Russlandbilder gibt es allerdings ebenso im Westen – aber die historischen Wege dorthin unterscheiden sich. Sie dienen vor allem einer Selbstverortung und haben oftmals wenig mit Russland selbst zu tun.

Diese Russlandbilder haben sich in Ihrer Studie als ausgesprochen beständig erwiesen. Sie haben Menschen wenige Tage vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 befragt – und dann einige Monate danach. Was konnten Sie beobachten?

Es war interessant zu sehen, wie Menschen versuchten, das Geschehen für sich neu einzuordnen. Nach Februar 2022 war es natürlich schwer, an einem positiven Putin-Bild festzuhalten. Viele nahmen Putin deshalb gewissermaßen aus ihrem Russlandbild heraus: Mit ihm stimmt etwas nicht mehr. Der Krieg wurde stark auf seine Person verengt und psychologisiert. Das positive Bild von Russland und der russischen Bevölkerung, die nichts für den Krieg könne, blieb dagegen erhalten. So mussten sie sich nicht vollständig von dem verabschieden, was sie vorher geglaubt hatten, ohne sich der Realität des politischen Systems zu stellen

Viele Ihrer Befragten sagten, dass sie sich mit Russland kaum auskennen. Trotzdem bewunderten sie vor der Vollinvasion Putins Durchgreifen. Wie passt das zusammen?

Wenn die Deutschen über Russland sprechen, reden sie erstaunlich oft über sich selbst – und das oft mit emotionaler Vehemenz. Putin diente als Gegenbild zu einer deutschen Politik und damit einer Demokratie, die in der Entscheidungsfindung als langsam und unentschlossen wahrgenommen wurde. Dahinter steht der Wunsch nach einem Plan und einer Politik, die sich kümmert. Manche sagten sinngemäß: Selbst wenn er falsch entscheidet, entscheidet er wenigstens. Russland dient als ein Ventil für Ängste, Wut und das Gefühl von „wir hier unten“ gegen „die da oben“. Gefährlich wird das, wenn ein kaum hinterfragtes Wunschbild autoritärer Führung zum Maßstab für die eigene Demokratie wird – und deren Debatten und Kompromisse nur noch als Schwäche erscheinen. Russlandprojektionen sind ein Mittel und Weg, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen.

In Ihrer Sicherheitsbefragung von 2025, die SCRIPTS als Teil Ihrer Forschung gefördert hat, nannten nur rund sechs Prozent das Ende des Krieges in der Ukraine als ihre wichtigste Sicherheitspriorität. Persönliche Sicherheit im Alltag stand deutlich im Vordergrund. Was bedeutet das für die politische Kommunikation über Verteidigung?

Die Politik spricht viel über Militärausgaben. Die Menschen denken bei Sicherheit aber zunächst an ihre Familie, ihre Finanzen oder den öffentlichen Raum. Diese Perspektiven müssen stärker zusammengebracht werden. Es geht darum, verständlich zu machen, was wir verteidigen: unsere Freiheit, unser Zusammenleben und unsere demokratische Ordnung. Sicherheit ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Solange die Verbindung zum eigenen Alltag fehlt, können Parteien wie die AfD diese Lücke nutzen und soziale gegen militärische Sicherheit ausspielen.

Eine Ausweitung des Krieges fürchten viele Ihrer Befragten. Manche meiden deshalb Nachrichten. Welche Folgen hat das für die Demokratie?

Mich hat überrascht, wie viele Menschen quer durch Bildungs- und Einkommensgruppen sagen: Nachrichten tun mir nicht gut, deshalb höre oder lese ich sie nicht mehr. Es geht also nicht allein um die Gegenüberstellung von traditionellen und sozialen Medien. Das ist als Schutzreaktion verständlich. Politisch ist es gefährlich. Wer sich gegenüber dem Geschehen verschließt, wird schwerer durch Argumente erreichbar. Emotionale Parolen, Desinformation und vereinfachende Versprechen können aber weiter an die Ängste anknüpfen. Hier setzt Russland mit seinen unter anderem auf Deutschland konzentrierten Desinformationskampagnen an.

Wie können Medien und Wissenschaft diese Menschen trotzdem erreichen und die Auseinandersetzung mit politischen Themen fördern?

Dafür gibt es keine einfache Lösung. Die Voraussetzung für eine selbstkritische Überprüfung der eigenen Russlandbilder und ihrer Wirkung ist ein Interesse an dem, was in Russland und der Ukraine tatsächlich geschieht. Es reicht also nicht, dieselben Informationen einfach über andere Kanäle zu verbreiten. Osteuropa sollte etwa in Schulen stärker vorkommen, ebenso Medienkompetenz. Und wir brauchen Gelegenheiten zum direkten Gespräch. In den Fokusgruppen zeigte sich ein großes Bedürfnis, über Erfahrungen, Sorgen und gemeinsame und unterschiedliche Sichtweisen zu sprechen. Viele sagten hinterher, wie gut es gewesen sei, dafür einmal Raum zu haben. Das stimmt mich vorsichtig optimistisch: Wenn Menschen einander zuhören, entstehen auch Ansatzpunkte für eine Auseinandersetzung.